Yorkshire - Blackpool 20-21.04.
Dieser Artikel wurde am 26. März 2009 von GreyWolf geschrieben.
So, York.
York ist ja keineswegs eine unbedeutende kleine englische Landstadt. York war eines der Zentren der britischen Geschichte. Zuerst eine angelsächsische Stadt. Dann erobert von den Wikingern, die daraus einen wichtigen Handelspunkt machten. Später dann ein wesentlicher Mitspieler um die Köngskrone von England, schlugen sich doch das House of York und das House of Lancaster im sog. “Rosenkrieg” verbissen um die Herrschermacht. York siegte übrigens.
In York selbst fällt zunächst ein großer Steinturm auf. Ein alter Verteidigungsturm. Man hat ihn im 13. Jhd. gebaut. Der zuvor dort stehende hölzerne Verteidigungsturm hatte man im Jahr 1190 nämlich abgebrannt. Zufälligerweise mit den Juden drin, die dort vor antisemitischen Progromen Schutz gesucht hatten. Also: wenn ein Engländer Dir was erzählen will von Deutschland und Judenverfolgung, wirf ihm einfach ein cooles “York 1190″ entgegen und er wird sofort nichts mehr sagen…
Die Nacht über hatte es geregnet, schwere Wolken hängen noch über uns, aber es ist weitgehend trocken. Es ist aber richtig kalt geworden, was meiner und Monikas Erkältung nicht unbedingt gut tut. Denn Monika hat es inzwischen auch erwischt.
Wir laufen erstmal zum Münster.
In einer Broschüre stand nämlich, dass der Eintritt kostenlos wäre. Ja, Pustekuchen. 5 Pfund soll der Eintritt kosten, 7 Pfund, wenn man auch die Krypta sehen will. Sorry, nicht mit uns. Wie gesagt, so viel Geld für 15 Minuten Besichtigung?
In einem Starbucks ziehen wir uns erst mal einen Kaffee rein. Ich parke dann noch den Wagen um, da wir beim Hotel nur bis 11 Uhr stehen dürfen und erwerbe für 5,50 Pfund 4 Stunden Parkzeit. Wobei mir mal wieder die Pence, die ich darüber hinaus einwerfe, nicht gutgeschrieben werden. Offenbar kann man nur ganze Stunden bekommen, als was man drüber hinaus zahlt, verfällt ohne Gegenleistung.
Als nächstes besuchen wir für 7,45 Pfund pro Nase “Wiking Jorvik”. Vor einigen Jahren fand man mitten in der Innenstadt die Überreste des alten Wikinger-Handelspostens Jorvik. Man grub das Ganze aus und baute anschließend neue Häuser darüber. Allerdings befindet sich jetzt im Untergeschoss der neuen Häuser ein Wikingermuseum. Ein animiertes Museum, um genau zu sein. Sehr lohnend, gerade auch mit Kindern, sofern man natürlich den Eintrittspreis erschwingen kann.
Das Ganze läuft so ab, dass man mit einer “Zeitmaschine” ins Jahr 990 zurückgebracht wird und dann mit so einer Art kleiner Sesselbahn durch eine Rekonstruktion des alten Jorvik gefahren wird. Man fährt also durch die alten Gassen, kann in die Häuser sehen und erfährt dann über eingebaute Lautsprecher alles Wissenswerte (wobei man sich die Sprache aussuchen kann, in unserem Falle also deutsch).
Man hat sich bemüht, die Sache wirklich lebensecht zu gestalten, einschließlich einem Mann auf der Toilette. Die Ankündigung, man könne sogar die Gerüche der damaligen Zeit riechen, bleibt - Gott sei Dank - recht theoretisch. Man riecht zwar Modder und Schlamm, aber wenigstens die Toilettengerüche bleiben einem erspart. Nach ca. 20 Minuten Fahrt durch die Gassen wird man dann im Museum abgeladen, wo man sich noch das ein oder andere Fundstück anschauen kann. Einschließlich alter Knochen von im Kampf gefallenen Wikingern etc.
Wirklich interessant gemacht. Können wir empfehlen.
Wir laufen noch ein bisschen durch die Stadt
und gehen auch teilweise über die Stadtmauer (die erstaunlicherweise nichts kostet
). Blick von der Stadtmauer aufs Münster:
Unterwegs stärken wir uns in einem Cafe. Die Besitzer sind ein schwules Päärchen, die die im Hintergrund laufende Musik lautstark und durchaus gut mitsingen. Wir amüsieren uns köstlich.
Danach führt uns unser Weg ins Castle Museum. Das hat allerdings weniger mit dem ehemaligen Castle zu tun, sondern mit Yorkshire im Allgemeinen. Hier werden sehr schön die Lebensumstände im York der letzten Jahrhunderte dargestellt. Man hat sogar einzelne Straßen des letzten Jahrhunderts mit den Geschäften nachgebildet. Etwa so:
Sehr schön und interessant gemacht. Okay, die zweite Hälfte des Museums konzentriert sich sehr auf den Zweiten Weltkrieg, aber da kann man ja zügig durchgehen. Zwei Stunden verbringen wir hier gut, bevor wir zum Auto zurückeilen müssen, wo der Parkschein abläuft.
Insgesamt gesehen hat uns York sehr gut gefallen. Wirklich eine interessante Stadt, in der man gut einen Tag verbringen kann.
Als Abschluss fahren wir noch am Nachmittag zu einem Designeroutlet, das wir beim Einfahren in die Stadt gesehen hatten. Hier fühlen wir uns natürlich gleich zu Hause. Ist ja wie in Amerika, eine große Mall mit vielen Geschäften, Cafes etc. Viel kaufen tun wir nicht (die Preise!), aber bummelnderweise bleiben wir hier bis gegen 16 Uhr.
Von dort fahren wir Richtung Westen in die Yorkshire Dales, konkret in das Dorf Haworth bei Keighley. Für die paar Meilen brauchen wir wieder geschlagene zwei Stunden, da wir uns praktisch von einem Stau zum nächsten bewegen. Es ist uns vollkommen schleierhaft, warum selbst auf kleineren Landstraßen und kleineren Städtchen permanent Stau ist.
In Haworth finden wir in eine Unterkunft in einem Guest House, also einer Art besserem Bed & Breakfast. 50 Pfund kostet das nette Zimmer.
Den Abend schlendern wir durch den Ort und kehren noch im Pub “Black Bull” ein.
In der Nacht stellen wir leider fest, dass das so gemütlich aussehende Zimmer seine Tücken hat. Konkret sind die Matratzen mörderisch. Man spürt jede einzelne Feder im Rücken. Ich bin zwar eigentlich recht hartgesotten, was Betten angeht, aber selbst mir tut nach 5 Minuten der Rücken weh. Ich lege mir sämtliche Handtücher sowie einen Mantel unter, Monika wickeln wir in eine dicke Bettdecke, so muss es gehen.
Die Nacht ist unruhig, zumal uns unsere Erkältungen zusetzen.
Das Frühstück ist okay. Der Zimmerpreis muss bar entrichtet werden, eine Rechnung erhalten wir nicht. So wird also hier die Steuer hinterzogen. Wenn ich dran denke, wie akkurat die Abrechnungen in Italien waren…
Am Mittwoch, den 21.04., schauen wir uns erstmal Haworth an. Wenn Du jetzt fragst, was eigentlich an Haworth so besonders ist: es ist der Ort, wo die Schwestern Bronte lebten. Und wenn Du jetzt fragst, wer um Gottes Willen die Brontes waren: das sind mit die wichtigsten englischen Schriftsteller(innen) des 19. Jhd. Zu nennen wären insbesondere “Sturmhöhe” von Emily Bronte und “Jane Eyre” von Charlotte Bronte.
Hier lebten also diese Geschwister als Kinder des Dorfpfarrers, dachten sich seit frühester Kindheit Geschichten aus und erreichten später mit ihnen Weltruhm. Wirklich Weltruhm. Es gibt sogar Wegzeichen mit japanischer Übersetzung, weil hier soviele Japaner kommen. Und das will was heißen, bei einem wirklich abgelegenen Dorf im Norden Englands.
Leider war das Leben der Brontes nicht im Geringsten idyllisch. Im Gegenteil: Die damaligen Lebensbedingungen im kalten Yorkshire, das vom Manchester-Kapitalismus beherrscht wurde, waren ohnehin schon mies. In Haworth waren sie katastrophal. Man kann das damalige Haworth ohne Übertreibung als miesesten Slum bezeichnen. Es gab keinerlei Kanalisation und praktisch keine Toiletten. Dämlicherweise hatte man den Friedhof über den wasserführenden Schichten angelegt, mit dem Ergebnis, dass die verwesenden Toten das Wasser vergifteten. Über 40 Prozent der Kinder starben vor ihrem 6. Lebensjahr, die durchschnittliche Lebenserwartung lag bei 25 Jahren. Ein wirklicher Slum.
Der - heute idyllische - Friedhof:
Die Brontes hatten es zwar als Kinder des Pfarrers besser, immerhin hatten sie ein richtiges Haus und sauberes Wasser. Aber dennoch war ihre Geschichte tragisch. 6 Kinder waren es ursprünglich. 2 von ihnen starben in jungen Jahren, und zwar an der Art der Behandlung, die sie in einem Internat “genossen”. Die restlichen vier schafften es immerhin trotz Tuberkulose über 20 und erreichten mit ersten Veröfflichungen eine gewisse Bekanntheit - wenn auch noch unter Pseudonym. Dann starb als erstes der Sohn Branwell, ein Taugenichts, Trunkenbold und Opiumabhängiger. Auf seiner Beerdigung erkältete sich Emily und starb daran wenige Monate später. Anne folgte wenige Monate später an den Folgen der Tuberkulose. Nun war nur noch Charlotte übrig, die tatsächlich mit ihren Büchern - nun unter ihrem richtigen Namen - einigen Ruhm erlangte. Dann heiratete sie aber, sehr gegen den Wunsch ihres Vaters, der fürchtete, dass sein nunmehr einzig verbleibendes Kind eine Schwangerschaft nicht überleben würde. Wie recht er hatte, denn tatsächlich überlebte sie eine Schwangerschaft nicht. 6 kleine Negerlein…..
Im ehemaligen Pfarrhaus hat man heute die Räume der Brontes wieder hergerichtet, und ein sehr interessantes Museum eingerichtet. Selbst wenn man die Geschichten der Brontes nicht interessant findet, allein ihre Lebensumstände sind sicher einen Besuch wert.
Hier kommt ein Bild vom “Black Bull” - wo Branwell soff -
und der alten Apotheke - wo er sein Opium bezog.
Übrigens findet sich auch ein großer Blumenstrauß zu Charlottes 150. Todestag - von japanischen Verehrern. Und hier ist ein Bild von einem Wegweiser mit japanischen Schriftzeichen (links oben) - nicht, dass Ihr glaubt, ich fantasiere:
Man kann auch in der Gegend einige Spaziergänge durch das Moor unternehmen, die schon die Brontes gerne machten.
Aber wir sind so erkältet, dass wir darauf verzichten.
Wir wollen stattdessen eine Sache machen, die wir seit Jahren schon immer wieder machen wollten: Cream Teas bei Emma`s.
Wir waren schon vor Jahren mal in Haworth gewesen und hatten damals im Cafe Emma`s den besten Cream Tea erhalten, den wir je hatten. Cream Tea, das ist natürlich Tee, zu dem dann Scones, also eine Art große Rosinenbrötchen serviert werden, mit Clotted Cream (so eine Art Sahne) und Marmelade. Superlecker und macht über Stunden satt. Und “Cream Tea bei Emma`s” war bei uns fast schon zur Zauberformel geworden, weil das damals so supergut war.
Tja, man soll nie zweimal in den gleichen Fluss steigen. Denn es wurde eine herbe Enttäuschung. Statt der uns bekannten supergroßen Scones erhielten wir geradezu winzige, offenbar auch noch vom Vortag. Die Clotted cream war durch Schlagsahne ersetzt. Wir fühlten uns, als wären wir in einem Spitzenrestaurant und dann wird Fastfood serviert. Zum Schluss will die Bedienung dafür auch noch 11 Pfund. Bis ich ihr klar machen kann, dass es nach der Karte 5 Pfund sind, vergeht einige Zeit.
Wir zuckeln jetzt über die hochgelegenen Yorkshire Dales, die sich recht malerisch darbieten (s. Bild)
,wobei wir sogar unterwegs englische Hoodoos entdecken:
zu unserem nächsten Ziel: Fountains Abbey.
Fountains Abbey war einstmal das wichtigste und größte Zisterzienser-Kloster in England, bis Heinrich der VIII. bekanntermaßen wegen seines Wunsches nach Scheidung mit dem Papst brach und die anglikanische Kirche gründete. Nebenbei bemerkt ein echter Witz der Weltgeschichte: Nur wegen einer Frau wurde eine neue Religion geschaffen. Und Heinrich löste als Nächstes alle Klöster etc. auf, denn sie gehörten ja jetzt zum Feind. Und verleibte sich so nebenbei ihren Reichtum ein.
Insofern war Fountains Abbey dem Verfall preisgegeben. Da es aber in einer recht abgelegenen Lage lag, wurde es wenigstens nicht als Steinbruch missbraucht und ist insofern heute noch weitgehend erhalten. Also als Ruine.
Drumherum hat man im 19. Jhd. auch einen Landschaftsgarten angelegt und so die Szenerie erhalten und verschönert.
Eintritt in Ruine und Garten kosten 5,50 Pfund. Das ist für englische Verhältnisse recht günstig. So sieht die Ruine aus:
Wir schlendern durch die Anlage, sehen uns die Ruine und den Landschaftsgarten an. Leider wird praktisch nichts erklärt. Die Erklärungen beschränken sich auf “Hier schliefen die Mönchen”, “Hier aßen die Mönche” u.ä. Das hilft nicht so unbedingt weiter. Schade, da hätte man wirklich was draus machen können.
In der Toilette ein bezeichnender Hinweis: “Vorsicht, das Wasser ist sehr heiß”. Gemeint war das Wasser aus den Waschhähnen. Denn wie fast überall in England gibt es hier immer noch getrennte Hähne für heißes und kaltes Wasser.
Liebe Engländer: Ihr seid doch ein großes Volk. Warum versteht Ihr denn nicht die Vorteile einer Mischbatterie? Warum hat man bei Euch nur die Wahl zwischen heißem und kalten Wasser beim Händewaschen? Wie wäre es mit warm? Ehrlich, das ist viel komfortabler. Und ist auch nicht teurer, ehrlich!
Und der Hinweis auf besonders heißes Wasser: 1. Wäre das kein Problem bei Mischbatterien. 2. Schaut doch mal an Eurem Heizwasserkessel nach. Da gibt es doch sicher irgendwo ein Thermostat, oder? Könnt Ihr das nicht einfach runterdrehen? Und wenn nicht: vielleicht lasst Ihr Euch einfach eines einbauen???
Gegen Abend fahren wir weiter. Wir wollen noch bis zur Westküste kommen. Und zwar nach Blackpool. Blackpool - das war uns klar - ist das größte Seebad in England. Allerdings - das war uns auch klar - eine Art Mallorca, was Besucheranzahl und Besucherqualität angeht. Wenn man britische Unterschicht treffen will, dann ist man in Blackpool richtig.
Wir gingen allerdings davon aus, dass jetzt in der absoluten Vorsaison nichts los sein würde.
Über den Motorway erreichen wir Blackpool nach 2 Stunden. Und suchen nach einer Unterkunft. Was wir in Great Yarmouth in klein gesehen hatten, war Blackpool in groß. Eine mehrere Kilometer lange Promenade, an denen sich ein Hotel neben das andere reiht, nebst Spielhöllen und mehr oder wenig einladenden “Attraktionen”.
Mein Gott, ist das scheußlich.
Zudem ist die Suche nach einem Hotel nicht einfach. Wir fahren durch den Ort und die ganzen Hotels sind einfach übel. Man duckt sich fast, weil man annehmen muss, dass gleich die Abrissbirne das Hotel platt machen wird. Wirklich, kein einziges der Hotels erscheint uns irgendwie einladend. Schmuddelig reiht sich an schmuddelig.
Am Ende der Promenade taucht ein monströses und superhässliches Hilton auf. Na gut, nehmen wir das. Das sieht wenigstens nach dem normalen Standard aus.
Ich wappne mich was die geforderten Zimmerpreise angehen wird, dennoch haut es mich um. 111 Pfund soll es kosten. Ohne Frühstück immerhin noch 91 Pfund. Na gut, es bleibt ja wohl nichts Anderes übrig, wenn wir nicht eines von den scheußlichen Hotels da draußen nehmen wollen.
Ich frage ausdrücklich nach einem ruhigen Zimmer und erhalte eines neben den Fahrstühlen. Super.
Das Zimmer selbst ist einfach ein Witz. Noch nie habe ich für soviel Geld ein so schlechtes Zimmer bekommen. Heruntergekommen ,ohne Möglichkeit der Heizung oder Kühlung. Zwar steht auf einem Schild was von Klimaanlage, aber zu finden ist davon nichts. Das Bad ist ebenso schlecht.
Ich habe jetzt wirklich die Schnauze voll von englischen Hotels. Warum muss man soviel Geld für miesen Standard zahlen? In den USA hätte ich für die Hälfte des Preises ein fantastisches Zimmer. Scheiße!
Wir gehen noch ein bisschen durch den Ort, allerdings ist praktisch alles geschlossen. Trostlos, trostlos, trostlos.
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